Alltag in vielen Einrichtungen

Stefan Göthling am Telefon
Bild: kobinet/omp

Die Missstände in Behindertenheimen und -werkstätten im Umgang mit behinderten Menschen, die vom Team Wallraff in der gestrigen RTL-Sendung aufgedeckt und dargestellt wurden, sind nach Ansicht des Geschäftsführers des Netzwerks von Menschen mit Lernschwierigkeiten Mensch zuerst keine Einzelfälle. Stefan Göthling hat früher selbst in einer Behindertenwerkstatt schlechte Erfahrungen gemacht und weiß von vielen Menschen mit Lernschwierigkeiten, dass diese in solchen aussondernden Einrichtungen kaum die Unterstützung bekommen, die sie brauchen.

Für die bereits vor zwanzig Jahren öffentlich geäußerte Kritik, dass viele Werkstätten für behinderte Menschen mit einer abschüssigen Straße mit Glatteis zu vergleichen sind, in die man leicht rein, aber kaum mehr raus kommt, hat Stefan Göthling damals harsche Reaktionen aus Werkstätten bekommen. Doch spätestens nach den gestern in RTL ausgestrahlten Beiträgen sieht Stefan Göthling sich darin bestätigt, dass sich bis heute nicht viel an dieser Situation verändert hat und behinderte Menschen zudem oft noch schlecht und herablassend behandelt werden. „Wenn jedes andere Unternehmen nur ein Prozent von seinem Auftrag erfüllen würde, wären sie pleite. In dem Beitrag kam ganz deutlich rüber, dass nur eine geringe Prozentzahl von Menschen mit Behinderungen unterstützt werden, wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu arbeiten“, erklärte Stefan Göthling gegenüber den kobinet-nachrichten.

„Auch hat der Bericht gezeigt, dass behinderte Menschen in Wohnheimen nicht immer gut unterstützt werden. Wenn man von Heim spricht, denkt man, dass man sich dort wohlfühlen kann, doch davon war in diesem Beitrag nichts zu sehen. Aber ich finde es gut, dass endlich einmal ein solcher Beitrag gezeigt wurde, denn die Bevölkerung denkt immer noch, es geht allen Menschen mit Behinderungen gut und dass sie in den Heimen und Werkstätten gut versorgt sind. Wir von Mensch zuerst erfahren leider oft das Gegenteil“, so Stefan Göthling. „Ich würde mich als Geschäftsführer von Mensch zuerst freuen, wenn die Politik diesen Beitrag zum Anlass nimmt, um genauer hinzuschauen. Denn die geschilderte Situation hat nichts mit der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention zu tun. Aus diesem Grund muss u.a. auch die Selbstvertretung behinderter Menschen gezielt gefördert werden.“

Link zum Bericht des Team Wallraff


Quelle: kobinet nachrichten