Cottbuserin setzt sich freiwillig in den Rolli

Damaris Gutsche erklärt nach einer Woche: Stadt ist nicht behindertenfreundlich, aber die Menschen

In Cottbus sind viele Straßen und Wege eine Strapaze für Rollstuhlfahrer. Und nicht jedes Behinderten-WC verdient seinen Namen. Das hat Damaris Gutsche festgestellt. Die 20-Jährige, die in einem Pflegeheim arbeitet, setzte sich eine Woche lang in den Rollstuhl. Ihre schönste Erfahrung: Es gibt viele Cottbuser, die helfen.

Damaris Gutsche hat sich warm angezogen. Flink schlüpft sie in die Handschuhe, die vor dem Schmutz auf den Rollstuhlreifen schützen. „Ich kann schon immer gut mit behinderten Menschen“, sagt sie und lacht. Nach der Carl-Blechen-Grundschule besuchte sie die Bauhausschule. Und als geringfügig Beschäftigte arbeitet sie nun in einem Pflegeheim und ist dort auch ehrenamtlich unterwegs. „Täglich fahre ich dort die Menschen im Rollstuhl durch die Gegend und hebt sie nach einer Spazierfahrt oder einem Termin wieder ins Bett. Ich wollte einfach mal wissen, wie sich das Leben aus ihrer Perspektive so anfühlt.“

Mit Problemen hat sie nicht gerechnet. Nicht damit, dass auf dem Behinderten-WC das Toilettenpapier zu hoch hängt, dass abgesenkte Bordsteine nicht genug abgesenkt sind, kaputte Fußwege sie ausbremsen und sie die Leergutabgabe und den Bahnhofsberg nur mit sportlicher Höchstleistung schafft.

„Relativ schnell hatte ich den Bogen mit dem Ankippeln heraus. Als ich aber vor meiner ersten Bordsteinkante stand, ging das nicht so, wie ich mir das gedacht hatte. Und selbst an einer abgeschrägten Stelle kam ich nicht wieder von der Straße auf den Gehweg, weil der Bordstein nicht genug gesenkt war. Zum Glück beobachtete mich ein junger Mann, der mich dann hilfsbereit über den Bordstein schob“, erzählt Damaris Gutsche.

Auch die meisten Busfahrer stiegen aus, um ihr eine Rampe zu legen, der Ausstieg am Gelsenkirchener Platz klappte dank Rampe problemlos. Aber um in die Straßenbahnlinie 2 zu kommen, brauchte sie wieder fremde Hilfe. Die Straßenbahnfahrerin musste erst die Metallplatte anlegen. Endlich drin, wurde es ab der Haltestelle Thiemstraße/Klinikum richtig eng. „Zwei Mütter mit Kinderwagen stiegen ein. Ich musste in den Gang zwischen den Sitzen ausweichen, weshalb die älteren Leute, die dort saßen, unruhig wurden, ob sie nun noch rechtzeitig aus der Bahn kommen. Und ich selbst fand nichts zum Festhalten“, erinnert sich Damaris Gutsche.

Zum Ostrower Platz wollte sie es mit eigener Kraft schaffen. Wieder erweisen sich die Bordsteine als Problem. „Ich musste die Straßenseite wechseln. Auf meiner Seite war der Bordstein abgesenkt, die nächste Schräge lag aber weit versetzt. Auf der Straße zu fahren, schien mir wegen des Kopfsteinpflasters zu riskant.“ Ein junger Vater setzte ihr sein Kind auf den Schoß, half ihr über die Straße und schob sie noch bis zum Ziel.

Auch das Einkaufen war eine Herausforderung. Mit einem Zettel voller Zutaten für einen Kuchen fuhr sie los und war verdammt stolz, als sie mit heilen Eiern nach Hause kam. Aber sie kam natürlich nicht an alle Regale heran, eckte in den zu voll gestellten Gängen an, wunderte sich, warum es eine niedrigere Kasse für Rollstuhlfahrer gibt. „Wenn alle Kassenbänder etwas niedriger liegen, wäre das Hinaufhieven der Kisten für alle einfacher.“

Die Angst, von Autofahrern übersehen zu werden, konnte ihr in der Woche niemand nehmen. Selbst in einer Arztpraxis ist es schwierig, einen geeigneten Platz für sich und seinen Rolli zu finden – schließlich sind hier auch Senioren mit Rollator und Unterarmgehstützen unterwegs. „Und alles geht im Rollstuhl viel langsamer. Mal schnell Brötchen holen oder versprechen, ich bin sofort unten, geht nicht“, sagt Damaris Gutsche.

Unkompliziert sei es dagegen gewesen, Geld abzuheben. Und überrascht war Damaris Gutsche von der Hilfsbereitschaft. Nicht immer musste sie um Hilfe bitten. Sondern die Menschen fassten auch ohne ein Wort schnell zu. „Von einer freundlichen Frau wurde ich angesprochen, ob sie mich den Bahnhofsberg hochschieben soll. Hinauf ging das ohne Probleme. Runter zu wurde sie mutig und probierte, mich mit nur einer Hand am Griff zu halten. Da landete ich mit unserem Übermut beinahe auf der Straße.“

Inzwischen ist wieder das Fahrrad ihr Fortbewegungsmittel. „Ich hatte mir in diesem Jahr das Ziel gesetzt, 2000 Kilometer zu radeln. 200 Kilometer fehlen noch“, sagt sie und lacht schon wieder. Nein, die Woche im Rollstuhl will Damaris Gutsche nicht missen: „Ich bin so froh, dass ich laufen kann. Aber ich habe meinen Horizont erweitert und weiß nun besser, wie sich meine Rollis im Pflegeheim so fühlen.“

Quelle: lr-online