Der Geschäftsführer des Blinden-und-Sehbehinderten-Verbands lässt ganz langsam los

Steffen Berkau arbeitet sich ein

 Steffen Berkau soll neuer Geschäftsführer beim BSVB werden. Foto: privat


Steffen Berkau soll neuer Geschäftsführer beim BSVB werden.
Foto: privat

Joachim Haar, seit einer gefühlten Ewigkeit Geschäftsführer des Blinden-und-Sehbehinderten-Verbandes Brandenburg (BSVB), denkt ans Aufhören. Wer den rührigen Cottbuser kennt, weiß, dass er das vor jedem Geburtstag einen kleinen Moment lang tut. Nur diesmal präsentiert er mit Steffen Berkau auch einen Nachfolger.

Der dienstälteste und der vermutlich jüngste Geschäftsführer geben sich die Hände. Das war ein bewegender Moment während der jüngsten Sitzung des Landesvorstands des BSVB. Nicht nur für den jungen Steffen Berkau, sondern auch für alle, die Joachim Haar auf seinem Weg begleitet haben. Noch kurz vor seinem 70. Geburtstag hatte Haar erklärt: „Solange es die Gesundheit zulässt, mache ich weiter. Das Problem ist nämlich, dass meine Arbeit gleichzeitig auch mein Hobby ist – und zu Hause sitzen, das kann ich einfach noch nicht.“

Dass er nun nach 44-jähriger Tätigkeit guten Gewissens die Geschäftsführerstelle abgibt, liegt auch an Steffen Berkau. Der 41-Jährige Cottbuser ist Verwaltungsrechtler. Blind mit einem kleinen Sehrest geht er durchs Leben. Schon jetzt kommt er regelmäßig in die Geschäftsstelle und soll ab 1. September für ein Jahr als Assistent des Geschäftsführers starten. Damit wäre er fit, ab dem 1. September 2017 die Geschäftsführung in voller Verantwortung für den BSVB zu übernehmen.

Haar verspricht schmunzelnd: „Diese Aufgabe ist interessant und vielfältig. Der Feierabend rückt oft weit in die Ferne.“

Dem Blinden-und-Sehbehinderten-Verband Brandenburg, einem eingetragenen Verein, gehören gegenwärtig 609 Mitglieder an, die in 23 Bezirksgruppen organisiert sind. Der hohe Altersdurschnitt mit 67 Jahren und ständig rückläufige Mitgliederzahlen sind die größten Pro bleme, die der Verband hat. Aber die Zahl jener, die Hilfe beim Verband suchen, ist groß. „Allerdings müssen hinter einer Organisation, die sich als Anwalt und Interessenvertreter aller blinden und sehbehinderten Menschen in Brandenburg versteht, auch Mitglieder stehen. Je mehr Mitglieder ein Verband hat, desto stärker ist er“, erklärt Joachim Haar.

Er selbst war im Jahr 1972 als Sekretär des damaligen Bezirksvorstandes Cottbus des Allgemeinen Deutschen Blindenverbandes berufen worden. „Oft wird gefragt, was sich seither für blinde und sehbehinderte Menschen geändert hat. Es hat sich nicht nur viel, nein, es hat sich alles geändert“, so Haar. Weder Zuständigkeiten noch Bedingungen seien vergleichbar. „Heute ist zunächst einmal zu klären, wer wann was an wen bezahlt. Bei vielen Anträgen für Hilfsmittel gibt es erst einmal eine Ablehnung. Wer in diesen Fällen keine Hilfe findet, ist wirklich allein gelassen. Recht haben bedeutet noch lange nicht Recht bekommen“, erklärt Joachim Haar. Deshalb stehe den Mitgliedern des Verbandes eine Rechtsberatungsgesellschaft bei Rechtsstreitigkeiten zur Seite – behinderte Juristen arbeiten in dieser Stelle.

„Alles selbst als Betroffener erlebt zu haben, kam mir immer zugute. Ich weiß auch, wie weh es tun kann, in einen Fettnapf zu treten“, sagt Haar. Aber manchmal müsse das sein, um ein Recht durchzusetzen. Er will seinen Nachfolger zwei Jahre zur Seite stehen. Ganz aufhören kann er eben nicht.


 

Quelle: lr-online.de