Der Rhythmus stärkt die Lebensfreude

Irina Vinogradova weckt in ihrem Integrationskurs bei Menschen mit Behinderung Lust auf Bewegung zur Musik

Lukas und Kursleiterin Irina Vinogradova genießen die gemeinsame Bewegung zur Musik. Foto: Nicole Nocon

Lukas und Kursleiterin Irina Vinogradova genießen die gemeinsame Bewegung zur Musik. Foto: Nicole Nocon

Die Menschen, die in ihren Integrationskurs kommen, sieht Irina Vinogradova nicht als Behinderte. „Es sind besondere Menschen, von denen ich schon viel gelernt habe. Sie fühlen oft mehr und bunter, als die sogenannten Normalen“, sagt die Choreografin und Pantomimin. Mit Musik und Rhythmus hilft sie ihnen, ihre Möglichkeiten zu entfalten.

Die Erkältungswelle hat zugeschlagen und am Montag die Reihen im Integrationskurs extrem gelichtet. „Heute bist Du mein Solist“, ruft Irina Vinogradova dem neunjährigen Lukas zu. Der Junge, der in Irinas Gruppe sonst eine Handvoll Mitstreiter hat, scheint es zu genießen, den Probensaal der Cottbuser Tanzwerkstatt einmal ganz für sich alleine zu haben. Begeistert rennt und springt er durch den Raum und sprüht dabei vor Energie.

Irina Vinogradova beobachtet ihn und freut sich über seine Begeisterung. Da ist die Lebensfreude, die sie in ihren Kursteilnehmern stärken will. Für sie ist Lukas einer der „besonderen Menschen“. Von „Behinderung“ will sie nicht sprechen. „Für mich ist egal, mit welchem Krankheitsbild die Menschen in meinem Kurs kommen. Ich nehme die Besonderen wie die ,Normalen‘. Es ist ein Kurs für alle“, betont die aus Russland stammende zierliche Frau, die klassischen Tanz und Choreografie gelernt, an der Theaterakademie studiert und sich auf die Kunst der Pantomime spezialisiert hat. In ihrem Heimatland und in Bulgarien hat Irina Vinogradova als Tänzerin, Kulturjournalistin, Tanzpädagogin und Schauspielerin gearbeitet. In Cottbus hat sie die Ballettkompanie des Staatstheaters unterrichtet und Tanzklassen im Piccolo Theater gegeben. Ihr Integrationskurs ist ein Projekt, in dem sie ihre vielfältigen Kenntnisse und Erfahrungen bündelt. „Meine Methode basiert auf den Erkenntnissen von Jacques Dalcroze, der zur Bedeutung von Musik und Rhythmus für den menschlichen Körper geforscht hat, und auf der Kunst der Pantomime“, erklärt Irina Vinogradova, dann beginnt sie die Stunde mit Lukas mit dem Begrüßungsritual. „Dieser Rahmen zu Beginn und am Ende der Stunde ist ganz wichtig. Und der Unterricht hat ein Ziel. Es geht darum, den schöpferischen Ausdruck zu üben“, sagt die Kursleiterin, die ihre Teilnehmer durchaus fordert. Lukas folgt mit viel Spaß ihren Kommandos, verwandelt sich zur passenden Musik in verschiedene Tiere. Er springt wie ein ausgelassenes junges Fohlen, er tanzt wir ein Bär, schleicht wie eine Katze und kriecht wie eine Schlange. „Bravo“, lobt Irina den Jungen und erinnert sich an die ersten Stunden mit ihm. „Zu Beginn hat er grundsätzlich das Gegenteil von dem gemacht, was gerade verlangt wurde. Jetzt kann er sich prima auf die Aufgaben einlassen“, freut sie sich. „Liebe und Vertrauen müssen erst wachsen, dann öffnen sich die Menschen“, sagt sie.

Beim „schöpferischen Ausdruck“ geht es nicht darum, vorgegebene Bewegungsabläufe zu imitieren. „Die Teilnehmer entwickeln zum Rhythmus der Musik ihre eigenen Bewegungen. Das Gehirn, Nerven und Muskeln werden angesprochen, ihr Zusammenspiel gestärkt“, erläutert Irina Vinogradova, die sehr genau auf die Stimmung jedes Einzelnen in ihrem Kurs eingeht. „Wenn jemand zum Beispiel sehr angespannt und verkrampft ist, dann fordere ich ihn auf, sich noch mehr anzuspannen und erst dann die Spannung loszulassen. Das funktioniert“, sagt sie.

In Partner- und Gruppenübungen werden Körperwahrnehmung und Kommunikationsfähigkeit trainiert. Die gemeinsame Basis ist der Rhythmus. Lukas lässt sie am Montag bereitwillig auf das Miteinander mit Irina ein. In ihrem „Spiel“ werden sie zum Spiegel und zum Schatten des anderen, ahmen seine improvisierten Bewegungen nach.

Lukas‘ Mutter beobachtet die beiden vom Rand des Tanzsaals und freut sich über die Begeisterung ihres Sohnes. „Er hat einen ernormen Bewegungsdrang und ist sehr kontaktfreudig. Das kann für seine Umwelt auch mal zu viel werden. Wir haben erlebt, dass er in anderen Gruppen abgelehnt wurde, weil sein Verhalten als störend empfunden wurde. Im Integrationskurs ist das anders. Lukas will keinen Termin verpassen“, erzählt sie.

Dann ist die Stunde zu Ende. Irina Vinogradova schließt sie mit dem bekannten Ritual ab. „Für mich ist meine Gruppe wie ein buntes Mosaik“, sagt sie und erzählt von einem Kunstprojekt, das sie gerne verwirklichen würde: „Ich träume von einer inklusiven Vorstellung mit besonderen und ,normalen‘ Menschen. Vielleicht lässt es sich in Cottbus realisieren“, hofft sie.


Zum Thema:
„Lebensfreude durch Rhythmus, Musik und Pantomime“, so hat Irina Vinogradova ihren Integrationskurs überschrieben. Er steht nicht nur, aber vorrangig Menschen mit eingeschränkten Möglichkeiten jeder Altersklasse offen. Kursinhalte sind das Erlangen der Fähigkeit, Musik plastisch auszudrücken, Kommunikation durch Tanzkunst, Entwicklung künstlerischer Improvisation, Begegnungsspiele zur Verbesserung der Teamfähigkeit. Der Integrationskurs beginnt am 5. Januar 2015 neu, dann im Piccolo Theater, wo alle Räume und Toiletten barrierefrei sind. Anmeldung und Infos beim Piccolo Theater unter Telefon 0355 23687.


Quelle: lr-online.de