Ein langer Kampf gegen die Barrieren

Cottbuser Behindertenbeirat sieht positive Entwicklung in der Stadt / Aber: Lebensgefahr in der Bahnhofstraße

Mit jedem neuen Gebäude kommt die Stadt Cottbus dem Ziel der Barrierefreiheit ein Stück näher. So lautet die Einschätzung des Behindertenbeirates. Noch können Menschen mit einem Handicap allerdings längst nicht alle Einrichtungen in der Stadt ohne fremde Hilfe nutzen. Das wird auch noch einige Zeit dauern.

Eine mobile Höranlage hat sich die Cottbuser Stadtverwaltung angeschafft. Eine gute Investition, sagen Walter Krause, Bernd Gursch, Sven Hoffmann (alle vom Behindertenbeirat) und die Behindertenbeauftragte Irena Wawrzyniak (v.l.). Foto: Sven Hering

 

Unbillig – für Sven Hoffmann, Chef des Cottbuser Behindertenbeirates, ist das ein ganz schreckliches Wort. Erst in den letzten Wochen ist er in offiziellen Schreiben der Verwaltung mehrfach mit diesem Begriff konfrontiert worden. Dabei hätte statt unbillig auch einfach ungerecht oder nicht zumutbar in den Briefen oder Vorlagen stehen können. Doch wegen der vermeintlichen Rechtssicherheit hatte die Verwaltung eben diesen Begriff gewählt. „Eine spontane Umfrage unter Beiratsmitgliedern hat ergeben: Kaum jemand kann etwas mit diesem Wort anfangen“, sagt Hoffmann. Was diese Begebenheit mit seiner Arbeit für Menschen mit Handicap zu tun hat? „Es ist ein Beispiel dafür, dass Barrierefreiheit nicht nur mit baulichen Dingen zu tun hat, sondern eine einfache Sprache mit einschließt“, so Hoffmann.

Doch es gibt in Cottbus durchaus positive Ansätze auf dem Weg zu einer barrierefreien Stadt. Vor allem beim Neubau von Gebäuden habe ein Umdenken eingesetzt. Planer würden jetzt schon im Vorfeld den Kontakt zum Behindertenbeirat suchen, sagt Hoffmann. Das neue Stadthaus sei ein Musterbeispiel dafür, wie Gebäude aussehen müssen, damit sie auch von Menschen mit einem Handicap genutzt werden können.

Was läuft noch gut in Cottbus? Hoffmann fällt das neue Stadtmuseum ein, das in die Räume der alten Sparkasse in der Bahnhofstraße zieht. Dort wird laut Planung jetzt auch der Tresorraum als ein besonderer Anziehungspunkt so gestaltet sein, dass ihn Menschen mit einem Rollstuhl besichtigen können. Das Wendische Museum habe ebenfalls Pläne präsentiert, nach denen jeder Raum barrierefrei wird. Cottbusverkehr bekommt vom Behindertenbeirat sogar ein Sonderlob. Das Unternehmen sei vorbildlich, egal ob es das neue Kundenzentrum in der Stadtpromenade oder die Langläufer-Straßenbahnen betrifft, sagt Hoffmann.

Doch es gibt auch Probleme. Und dass dort, wo man sie nicht vermuten würde. Mehrere private Sportstudios sind nur bedingt für Menschen mit Handicap geeignet, weil diese dort ohne fremde Hilfe nicht alle Angebote nutzen können, sagt Hoffmann. Obwohl dort auch Reha- oder Seniorensport angeboten werde, sei auf eine durchgängige Barrierefreiheit verzichtet worden. In der neu gebauten Bahnhofstraße sieht der Beirat ebenfalls noch Bedarf für Nacharbeiten. So wurden einige der speziellen Gehwegplatten, die Sehbehinderten als Leitsystem dienen, falsch eingebaut. Vom sicheren Fußweg führen sie den Spaziergänger, der sich an ihnen orientiert, an einigen Stellen direkt auf die Straße. „Das kann lebensgefährlich sein“, sagt Hoffmann. Abhilfe sei durch die Stadt zugesichert.

Eine mobile Rampe testet Hans Limberg vom Fachbereich Immobilien am Rathaus. Diese Systeme können zum Beispiel an den nicht barrierefreien Wahllokalen eingesetzt werden. Foto: Behindertenbeirat

Einige der Cottbuser Supermärkte halten für gehbehinderte Kunden ebenfalls besondere Herausforderungen bereit. „Das fängt beim Drehkreuz am Eingang an“, sagt Sven Hoffmann. Tiefkühlwaren, die in den Truhen viel zu weit unten liegen, sind für Menschen mit Rollstuhl mitunter unerreichbar. Werbeaufsteller, mitten in den engen Gängen platziert, bilden eine zusätzliche Barriere. Die Konsequenz: „Solche Märkte werden dann gemieden, Kunden verprellt“, sagt Walter Krause, der selbst auf einen Rollstuhl angewiesen ist.

Doch während hier der Einfluss des Beirates gering ist, soll die Barrierefreiheit auf den städtischen Friedhöfen demnächst ein Schwerpunkt der Arbeit sein, kündigt Sven Hoffmann an.