Fußball ohne große Worte: Der Kahrener SV hat zwei gehörlose Spieler

Der Kahrener SV hat zwei gehörlose Spieler in seinen Reihen / Die Verständigung auf dem Platz funktioniert trotzdem

Der Sportplatz ist eigentlich ein Ort der großen Worte – auf und oft auch neben dem Spielfeld. Im Cottbuser Ortsteil Kahren sind es zuweilen eher die großen Gesten: Mit Paul Liersch und Martin Fritsche sind in der 2. Mannschaft zwei gehörlose Kicker aktiv. Die Verständigung zwischen allen Spielern klappt dennoch hervorragend.

Seit zweieinhalb Jahren schnüren die beiden Kicker ihre Fußballschuhe inzwischen für den Kahrener SV – so wie unlängst gegen Rot-Schwarz Komptendorf. Ein vor allem für Paul Liersch undankbares Spiel: Die Gäste igelten sich in der eigenen Hälfte ein und lauerten auf Konter. Als Torwart konnte Liersch nicht viel zum Spiel beitragen. Und musste dennoch früh den Ball aus dem eigenen Netz holen. Gleich den ersten Gefahr versprechenden Angriff nutzten die Komptendorfer per Kopf zur überraschenden Führung. Mit ausgebreiteten Armen saß der Keeper anschließend am Pfosten, seinen Ärger konnte er jedoch nicht wie die anderen einfach herausbrüllen.

Seit seinem zweiten Lebensjahr kann der 24-Jährige das nicht mehr. Als kleines Kind verließen ihn plötzlich Stimme und Gehör. Aber nie der Spaß am Fußball. Seit 20 Jahren jagt er schon der Kugel hinterher, mal in Teams nur mit Gehörlosen, oder wie jetzt in Kahren gemeinsam mit Hörenden. Vor seinem Wechsel in die 1. Kreisklasse Niederlausitz Süd kickte er in der Cottbuser Stadtliga. Eine ziemliche Umstellung für Paul Liersch, nicht nur wegen der Verständigung. Während in der Stadtliga das Spiel im Vordergrund stand, wird in Kahren zudem zusätzlich zwei Mal in der Woche trainiert. Die Arbeit mit Gehörlosen war auch für Trainer Stephan Krug eine neue Situation: „Am Anfang war es noch etwas schwierig mit der Verständigung. Aber alle Spieler haben sich dran gewöhnt. Inzwischen reicht es schon für etwas Smalltalk in Gebärdensprache. Sonst kommunizieren wir auch schriftlich oder über Nachrichten auf dem Handy.“

Da während des Trainings oder Spiels aber nicht die Zeit dafür da ist, wird von allen viel Aufmerksamkeit gefordert: „Im Training funktioniert für Paul und Martin viel über Beobachtung. Sie müssen sich die Übungen einen oder zwei Durchgänge anschauen, um sie dann nachmachen zu können. Im Spiel müssen alle Spieler viel beobachten und darauf achten, was der andere macht“, sagt Trainer Krug. Bei einem langen Pass über die Abwehr bleibt nämlich das sonst übliche „Leo“ oder „Torwart“ des Schlussmannes aus, wenn er den Ball sicher übernehmen kann. Nur mit Gesten müssen sich Abwehrspieler und Keeper in diesem Moment blitzschnell abstimmen.

Dass das bei seinem Team gut funktioniert, freut den Trainer Woche für Woche: „Es beeindruckt mich jedes Mal, wie gut es mit Paul klappt, ohne dass er sich eigentlich verständigen kann. Er ist ein starker Rückhalt für meine Mannschaft.“

Schiris werden sensibilisiert

Aber auch für Martin Fritsche gibt es viel Lob vom Coach: „Wenn er spielt, gibt er in der Zeit wirklich alles. Wenn er ausgewechselt werden will, weiß ich, dass er sich bis dahin komplett verausgabt hat.“ Drei Mal hat Fritsche in dieser Saison bereits getroffen. Im Gegensatz zu Liersch ist er auch der quirligere, der auf dem Spielfeld durch seine schrillen Laute vor allem bei Fouls auffällt. Oder durch verständnislose Blicke, wenn er merkt, dass um ihn herum alle aufgehört haben zu spielen, weil der Schiedsrichter die Partie unterbrochen hat. Stephan Krug: „Wir versuchen vorher, die Schiedsrichter zu sensibilisieren, dass sie nicht gleich eine Gelbe Karte zeigen, wenn Martin einfach weiterspielt. Wir hatten aber auch schon Spiele, wo wir es mal vergessen haben und es ist niemandem aufgefallen, dass zwei unserer Spieler nichts hören.“

Bislang sind die beiden im Bereich des Brandenburger Amateurfußballs noch Ausnahmesportler: Gehandicapte Kicker gibt es im regulären Männer-Spielbetrieb nur ganz wenige. Wenn es aber nach Hartmut Gaudeck geht, dem Vorsitzenden des Freizeit- und Breitensportausschusses des Fußball-Landesverbandes FLB und seit Oktober 2012 Koordinator für Inklusion und Integration innerhalb des Verbandes, sollen es künftig viel mehr werden. „Das wäre eine große Freude. Bislang hat sich jeder nur um sich gekümmert. Aber die Vereine werden immer offener. Und wenn sie sehen, welche Freude die gehandicapten jungen Sportler beim Fußball haben, geht ihnen das Herz auf“, sagt Gaudeck.

Die ersten Schritte zur stärkeren Integration gibt es bereits im Nachwuchsbereich. In Eisenhüttenstadt trainieren und spielen zum Beispiel die jungen Kicker vom FSV Dynamo gemeinsam mit Schülern der Pestalozzi-Schule, einer Schule mit sonderpädagogischem Förderschwerpunkt. Unter dem Dach des Behinderten-Sportverbandes Brandenburg (BSB) gibt es außerdem zurzeit 14 Mannschaften, die in einer Landesliga und Landesklasse einen Landesmeister ausspielen. Zu den Teams gehören unter anderem mehrere Lebenshilfe-Werkstätten für Menschen mit geistiger Behinderung. „Wir wollen es zur Normalität werden lassen, dass Fußballer mit und ohne Handicap zusammen spielen“, gibt Gaudeck das langfristige Ziel aus.

Spielen bis zur Rente

In Kahren wird das schon jede Woche praktiziert. Und beiden Seiten bereitet das große Freude. „Ich fühle mich beim KSV sehr wohl und will am liebsten Fußball spielen, bis ich Opa bin“, schreibt Paul Liersch schmunzelnd auf den Interviewzettel. Die volle Unterstützung dafür wird er von seinem Trainer Stephan Krug bekommen: „Für mich gibt es keine zu kleinen oder zu großen Fußballer, sondern nur gute oder schlechte. Auch wenn Paul und Martin ein Handicap haben, sind sie auch nur Menschen. Und das ist das Tolle am Fußball: Er kann alle vereinen!“

Quelle: lr-online