Inklusion in Cottbuser Schulen auf dem Prüfstand

Cottbuser Grundschulen über ihre Erfahrungen mit dem Modellversuch

Seit zwei Jahren läuft ein Modellversuch zur Inklusion an drei Cottbuser Grundschulen. Im kommenden Jahr will die Stadt eine Auswertung der Erfahrungen veröffentlichen. Schon jetzt können die Schulleiter erste Bilanz ziehen

Anett Jurmann ist seit 1994 Leiterin der Unesco-Projektschule in Schmellwitz. „Wir haben schon immer den gemeinsamen Unterricht praktiziert, zu uns sind Kinder mit und ohne Defizite gekommen.“ Seit sie an dem Cottbuser Modellversuch und gleichzeitig am Brandenburger Modell für Inklusion teilnimmt, seien allerdings die Bedingungen dafür besser geworden. „Derzeit kommen 53 Prozent unserer Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern. In jeder Flex-Klasse sind acht bis zehn Kinder mit massiven Schwierigkeiten. Dazu kommen dann noch die Integrationskinder.“ Zu meistern seien die anfallenden Aufgaben nur durch das zusätzliche Personal, das durch die Modellversuche zur Verfügung steht. Ein Heilpädagoge, Sozialpädagogen, Gruppenhelfer. Anett Jurmann: „Wenn wir diese Kräfte verlässlich zur Verfügung haben und flexibel nach unseren Bedürfnissen einsetzen können, funktioniert der Unterricht. Aber schon bei zwei dauerkranken Kollegen bricht das System zusammen.“ Denn dann muss der Unterricht abgesichert werden – zu Lasten von Fördermaßnahmen. Genau da liegt das Problem, mit dem auch der zuständige Schulrat Michael Koch zu kämpfen hat. „Im vergangenen Jahr hatten wird Kollegien, in denen 40 Prozent der Belegschaft krank waren.“ Die Regionalstelle des Schulamtes hat 700 000 Euro investiert, um diese Ausfälle zu kompensieren. Anett Jurmann verweist darauf, dass auch in ihrem Kollegium das Durchschnittsalter bei 53 Jahren liegt. „Wir vergreisen sozusagen.“ Dabei würden die Schüler immer neue Herausforderungen stellen. „Viele Kinder, die bei uns mit 5 Jahren eingeschult werden, zeigen Verhaltensweisen von 3- oder 4-Jährigen. Oft sind Vater und Mutter Alkoholiker, der Bildungsanspruch in vielen Familien ist kaum vorhanden.“ Trotzdem schafft sie es mit ihren Kollegen, 40 Prozent eines Jahrgangs fit für das Gymnasium zu machen. Ein Wert, der nur wenig unter dem Durchschnitt liegt.

Bildungsdezernent Berndt Weiße: „An den Modellschulen wird hervorragende Arbeit geleistet. Aber vor den Problemen, denen sich diese Schulen stellen, stehen alle Grundschulen in Cottbus.“ Die Lehrkräfte kämen durch die zusätzlichen Belastungen der inklusiven Schule an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. „Inklusion braucht Zeit, Ressourcen und verlässliche gesetzliche Grundlagen, die das Land endlich liefern muss.“ Dem widersprach die frühere Bildungsministerin und jetzige Landtagsabgeordnete Martina Münch: „Die Modellschulen zeigen ja schon jetzt eindrucksvoll, was alles möglich ist. Man muss sich im Kopf auf den Weg machen, darum geht es.“

Lothar Nagel, Schulleiter der Regine-Hildebrandt-Schule in Sachsendorf, sieht das anders: „Es kann nicht sein, dass Förderausschussverfahren sechs bis zwölf Monate dauern, wenn ein Kind jetzt schon Probleme hat. Einzelfallhelfer müssen in der Schule dort eingesetzt werden, wo sie gerade gebraucht werden.“


Quelle: lr-online