Leistungssport und gelebte Inklusion

Das Paralympische Zentrum in Cottbus steht kurz vor seiner Fertigstellung

Foto von den Sportlern und dem Trainer


Die heiße Vorbereitungsphase vor den Paralympics hat für Frances Herrmann und ihren Trainer Ralf Paulo begonnen.
Foto: Hering

Die Qualifikationskriterien für die Paralympischen Spiele in Rio sind erfüllt, die offizielle Nominierung nur noch Formsache. Die Cottbuser Leichtathletin Frances Herrmann erhöht im Training jetzt noch einmal die Schlagzahl. Ihre Top-Leistungen in der Vergangenheit haben ihr nicht nur zahlreiche Medaillen eingebracht. Auch der Sportstandort Cottbus profitiert.

Fünfmal stemmt Frances Herrmann die Gewichte in die Höhe. Dann kommen die erlösenden Worte von ihrem Trainer Ralf Paulo. „Jetzt eine kurze Pause.“ Für die Cottbuser Para-Leichtathletin hat die heiße Olympia-Vorbereitungsphase begonnen. Das bedeutet: Einmal am Tag ist Training – entweder vor oder nach dem Job. Die 27-Jährige ist Sozialarbeiterin im Cottbuser Rathaus. Und eine Kandidatin auf Edelmetall bei den Spielen.

In wenigen Tagen geht es ins Trainingslager. Für diese Zeit und für die Spiele selbst wird die Cottbuserin von ihrem Arbeitgeber freigestellt. „Ich bin dafür sehr dankbar“, sagt sie. Ihre Kollegen halten ihr den Rücken frei. Nicht nur jetzt, kurz vor Rio. Sondern auch schon in der Vergangenheit, wenn Welt- oder Europameisterschaften anstanden. Mit einer Top-Leistung möchte sie sich dafür bei ihnen bedanken, sagt die Athletin, die bei den Paralympics im Jahr 2008 Silber im Diskuswerfen holte.

Dabei hat Frances Herrmann – wie die anderen Cottbuser Para-Sportler auch – bereits eine Menge für den Standort getan. Denn ihre Erfolge in der Vergangenheit waren Voraussetzung dafür, dass ein anspruchsvolles Bauvorhaben jetzt kurz vor der Fertigstellung steht.

Ein ehemaliges Fitnessstudio wird zu einem paralympischen Stützpunkt umgebaut. Derzeit werden Fliesen verlegt, die Elektrik wird installiert. Auch die Fassade muss noch erneuert werden.

Weite Wege gegangen

„1,7 Millionen Euro werden dort verbaut“, sagt Sportstättenbetriebsleiter Ralf Zwoch. „Wir sind einen ganz weiten Weg gegangenen“, ergänzt er. Mit „Wir“ meint er vor allem Kay Havenstein, der im Rathaus die Sportförderprojekte koordiniert. Und Mirko Wohlfahrt als Chef des Cottbuser Olympiastützpunktes. Die Cottbuser Stadtverordneten wurden überzeugt, Geld aus der Stadtkasse freizugeben. Eine knappe halbe Million Euro – ein großer Posten in einem nicht gerade üppig ausgestatteten Haushalt. Bund und Land steuerten allerdings den Löwenanteil mit rund 73 Prozent der Investitionskosten bei. Auch weil die Cottbuser Paralympics-Starter zuvor mit ihren Topleistungen gewissermaßen in Vorleistung gegangen waren. „Ich bin froh, dass wir damit die Möglichkeit hatten, die leer stehende Immobilie zum Leben zu erwecken“, erklärt Zwoch. „Wir haben hier Inklusion, die gelebt wird.“

Die neue Leichtathletikhalle, ebenfalls barrierefrei, wird künftig direkt an das paralympische Zentrum angebunden. Der moderne Physiotherapiekomplex kann von allen Kadersportlern am Olympiastützpunkt genutzt werden.

Sportler mit am Tisch

 Sportstättenbetriebschef Ralf Zwoch im neuen Komplex. Foto: Hering


Sportstättenbetriebschef Ralf Zwoch im neuen Komplex.
Foto: Hering

Während der Planung waren nicht nur Theoretiker, sondern auch Sportler mit dabei. Ronny Ziesmer, Ex-Turner und jetzt Handbiker, sowie Leichtathletik-Cheftrainer Ralf Paulo saßen praktisch in jeder Beratungsrunde mit am Tisch, verrät Zwoch. Damit sei garantiert, dass vom Umbau vor allem die profitieren, für die er gedacht ist – die Athleten. „Cottbus steht sehr gut da“, lautet das Fazit vom Sportstätten-Betriebschef. Das bedeutet allerdings nicht, dass Ralf Zwoch nicht noch Wünsche hätte. Um alle Barrieren abzubauen, die es auf dem Gelände des Sportzentrums noch gibt, wären weitere Investitionen nötig.

Deshalb drückt Zwoch allen Cottbuser Rio-Startern beide Daumen. Einmal, weil er praktisch täglich bei seiner Arbeit sieht, wie sich die Sportler für den wichtigsten Wettbewerb in ihrer Karriere quälen. Aber auch, weil gute Platzierungen die Chancen erhöhen, dass sich für den nächsten Olympia-Zyklus neue Geldtöpfe auftun. Medaillen öffnen immer auch Türen.

KOMMENTAR: Das barrierefreie Sportzentrum (Sven Hering, Lausitzer Rundschau)

Es ist ein paar Jahre her, da bewiesen einige der für den Sport in der Stadt Cottbus Verantwortlichen den richtigen Riecher. Während klassische Sportarten schwächelten, die Bundespolizei mit ihrem Leistungssportprojekt nach Kienbaum wechselte, wurde die Idee geboren, sich viel stärker dem Behindertensport zu widmen.

Das war kein Trostpflaster, wie sich jetzt zeigt. Die Stadt wurde zunächst paralympischer Stützpunkt Leichtathletik, dann wurde mit dem Bau eines paralympischen Zentrums begonnen. Mit Geld von Bund und Land, das es sonst in diesen Größenordnungen nicht gegeben hätte. Ein Wunsch freilich war bislang Utopie: ein komplett barrierefreies Sportzentrum. Medaillen in Rio könnten nun helfen, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen.


Quelle: lr-online