Ohne Hilfe im Alltag geht es nicht

Cottbuser Eltern kritisieren Einschnitte bei Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen

An den Cottbuser Förderschulen rumort es gewaltig. Einzelfallhelfer und Eltern von zum Teil schwerstbehinderten Kindern klagen darüber, dass Hilfsangebote gestrichen worden sind. Die Stadt spricht von Übergangsproblemen.

Jenny-Marie Patorek, 15, freut sich jeden Tag auf die Schule. Sie liebt es, ihre Freunde zu treffen, zu spielen, am Schwimmunterricht teilzunehmen. Alles keine Selbstverständlichkeit für ein junges Mädchen mit schweren Behinderungen.

Jenny ist durch einen genetischen Defekt in ihrer Entwicklung eingeschränkt. Sie ist auf den Rollstuhl angewiesen, kann sich nur mit Hilfe eines Sprachcomputers verständigen. Beim Essen braucht sie Unterstützung, muss außerdem regelmäßig gewickelt werden.

Bisher ließ sich all das mit dem Schulalltag an der Spreeschule gut verbinden. Ein Einzelfallhelfer stand Jenny-Marie 39,5 Stunden pro Woche zur Seite. „Dann wurde seine Arbeitszeit plötzlich auf 20 Stunden gekürzt, nach den Herbstferien auf Null heruntergefahren“, klagt Simone Patorek, die Mutter von Jenny-Marie. Sie fürchtet, dass ihre Tochter mühsam Erlerntes wieder vergisst.

„Die Lehrer und der Gruppenhelfer sind doch völlig überfordert“, sagt sie. „Wenn Jenny-Marie gewickelt werden muss, geht das ja nicht so schnell wie bei einem Säugling. Und eigentlich sollte sie auch ein Toilettentraining bekommen.“ Doch wer kümmert sich in dieser Zeit um die übrigen Kinder der Klasse? Wer bedient Jenny-Maries Sprachcomputer? Wer ersetzt ihr Hände und Arme, Beine und Mund?

„Allein ist der Schulalltag für meine Tochter nicht sinnvoll zu bewältigen“, sagt ihre Mutter. „Das Kind wird morgens ins Klassenzimmer hineingerollt, nachmittags wieder hinaus.“ So wie bei Jenny-Marie wurden bei fünf weiteren Kindern die Einzelfallhelfer nach den Herbstferien gestrichen. „Eine Katastrophe“, sagt Doreen Ohde, Mutter eines ebenfalls behinderten Sohnes und Leiterin der Schulkonferenz. Sie beklagt „menschenunwürdige Zustände“. Denn mittlerweile würden die Teenager nur noch nach Plan gewickelt. „Passiert ihnen kurz nach dem ersten Wickeln ein Malheur, dann sitzen sie mehrere Stunden in ihrer schmutzigen Windel“, sagt sie.

Auch unter den Einzelfallhelfern ist der Frust groß. Ihren Namen wollen sie nicht in der Zeitung lesen. Schlimm sei vor allem die Unsicherheit, wie es mit ihnen weitergehe. Einige haben erst am letzten Ferientag erfahren, dass sie weiterhin arbeiten dürfen. Eine Frau erzählt, dass sie sich zeitgleich um zwei schwerstbehinderte Kinder kümmern muss, weil ein anderer Helfer für andere Aufgaben abgezogen worden sei. „Ich weiß nicht, was ich machen soll, wenn meine beiden betreuten Kinder gleichzeitig einen Anfall bekommen, ich hoffe, dass dieser Fall nie eintritt“, sagt sie.

Der Cottbuser Sozialdezernent Berndt Weiße (parteilos) spricht von Anlaufschwierigkeiten. In der Stadt werde gerade das Betreuungssystem umgestellt. Ziel sei es, künftig noch stärker Fachkräfte einzubeziehen. Weiße meint damit vor allem Sonderpädagogen, Heilpädagogen oder pädagogische Unterrichtshilfen. „Jedes Kind muss die Hilfe bekommen, die es braucht“, betont er. Deshalb habe es in den vergangenen Wochen zum Beispiel an der Spreeschule Hospitationen gegeben. „Wir sind gerade in einem Übergangsprozess, da holpert es noch etwas“, gibt der Sozialdezernent zu.

Für Eltern und Einzelfallhelfer ist die Übergangsphase mit zu großen Unsicherheiten verbunden. Deshalb haben sie die Politik um Hilfe gebeten. Gehör haben sie bei der Fraktion Die Linke gefunden. Diese wird das Thema jetzt in die Stadtverordnetenversammlung bringen.

Quelle: lr-online